Mysteriöse Streichung

Eine Klage aus Zürich muss 1409 oder 1410 den Herzog Friedrich IV. von Habsburg erreicht haben. Die Umstände der Übergabe liegen im Dunkeln. Bis ins Jetzt bleibt uns aber ein Schriftstück aus Zürich (heute im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck aufbewahrt), welches von Problemen der Stadt mit Gebieten der habsburgischen Vorlande berichtet.

Die Klage und die Art der Klagevorbringung ist nicht wirklich speziell. So beschweren sich die Zürcher über das Problem der Versorgung eines Kindes nach dem Tod seines Vaters und über Übergriffe, welche Bürger der Zürcher Herrschaft in der Vorlande zu gegenwärtigen hätten. Daneben werden Beschwerden gegen einen Landvogt vorgebracht, sowie eine Geldschuld seitens der Herzöge gemahnt.

Wirklich problematisch ist das Schriftstück, da der erste Abschnitt (nach dem Titel: „Dis ist der von Zúrich klag […]“) komplett und vor allem Wort für Wort gestrichen wurde. Ausser den ersten drei Worten „Item des ersten“ ist nichts mehr lesbar.

Wort für Wort gestrichen

Ausschnitt aus: TLA Sigm. 4b. 55.16

Wer die Streichung vorgenommen hat, ist ohne Spekulation nicht zu eruieren, auffällig ist jedoch, dass die Tinte um einiges dunkler ist, als die mit welcher das Papier beschrieben wurde. Dies könnte jedoch auch mit der Tatsache zusammenhängen, dass mehr Tinte zur Tilgung verwendet wurde als zur Niederschrift.

Spekulation:
Wer sollte ein Interesse daran haben, dass gewisse Details, gewisse Klagen, nicht beim Empfänger ankommen? Der Sender ist es wohl nicht, er (oder sie) zeichnet verantwortlich und war sich der Konsequenzen der Klageeingabe wohl bewusst. Dass der Empfänger (für die Langzeitarchivierung?) Korrekturen vornahm, ist zwar denkbar und wohl häufiger vorgekommen, als man denkt. Jedoch macht die Art und Weise nicht wirklich Sinn vorgebrachte Klagen zu vertuschen. Ganz im Gegenteil wird das Gestrichene enorm betont und in den Vordergrund gerückt.
Ein Mittler, eine Schaltstation, dagegen könnte — existenzielles — Interesse an der Verhinderung der Informationsweitergabe haben.

Der Amtmann könnte nicht unbegründet um sein Leben gefürchtet haben, da das genannte vaterlose Kind aufgrund einer Racheaktion des Herzogs bzw. des Landvogts Waise war.

Fragt sich, welcher Amtmann einen Brief der Stadt Zürich in die Hände bekommen hatte und an seinen Herrn, den Herzog von Österreich (Friedrich IV.) weiterleiten sollte. Von der Kompetenz wäre, müsste es der Landvogt persönlich gewesen sein, welcher häufig in Baden — in der Nähe von Zürich — anzutreffen war und regelmässig dem Herzog Rechenschaft ablegen musste. </Spekulation>

Umgang mit Schrift:
Neben der hübschen Spekulation zum Verantwortlichen der Streichung (hier darf wohl mit gutem Gewissen die männliche Form benutzt werden), interessiert natürlich, welche Aussagen sich dadurch zum Umgang mit Schrift machen lassen. Vor allem die Formbarkeit und Weiterverwendbarkeit des Verwaltungsschriftguts scheint mir von zentraler Wichtigkeit. Wie bei Schriftstücken, welche von mehreren Schreibern bearbeitet wurden, so lässt sich auch hier zeigen, dass der Informationsträger nicht nur einen Herstellungsmoment kennt, sondern wieder und wieder er- und bearbeitet werden konnte. Obwohl nicht so formvollendet wie in glossierten Bibeln, aber mit einem ähnlichen Bewusstsein.



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