Quantitative Geschichtswissenschaft oder: Was bringt die Verknüpfung von Graphen und Urkunden

Nicht erst seit google books mit dem Analysetool ngram (und v.a. dem entsprechenden Viewer) visualisiert, welches Wort oder welcher Satz wann am häufigsten geschrieben wurde, interessiert sich die Geschichtswissenschaft für das Auftauchen von Phänomenen, Wörtern oder in meinem Fall: Urkunden.

Diese positivistische Darstellung (und ja: ich verlinke zu Wikipedia und das ist gut so😉 bringt natürlich eine Reihe von Problemen mit sich:

  • Eingerechnet werden nur Stücke die überliefert wurden (und im Beispiel heute noch in Aarau liegen)
  • Doppelausfertigungen (also Urkunden die es mit doppelt gibt, da sie an zwei Empfänger gerichtet waren) werden nur einfach gezählt (diesen Umstand verdanken wir der zählweise früherer Archivare, welche weniger das interesse an physischen Stücken hatten, als an deren Inhalt)
  • Zum Schriftgut „Urkunde“ wird nur gerechnet, was irgendwann von irgendwem dort eingereiht wurde (diverse Stücke könnten auch als Verwaltungsschriftgut bezeichnet werden)
  • Es wird nicht unterschieden zwischen Nachherstellung und „Original“ (auch weil es bei vielen der Urkunden wohl nie gelingen wird zu unterscheiden)

Trotz diesen Einwänden und Problematisierungen bin ich der Meinung, dass (v.a. vor einer tieferen Analyse) ein Gesamtbild in den Fokus genommen werden soll und muss. Die Analyse der Überlieferungsbildung — auch als Momentaufnahme — dient zur Eruierung von Zeitpunkten oder -abschnitten, die später genaustens untersucht werden müssen, da in den besagten Zeiten wohl Umwälzungen vorgekommen worden sind.

Für den Urkundenfonds des Klosters Königsfelden sieht die Kurve der Urkundenproduktion folgendermassen aus:

Graph/Auswertung der Urkundenproduktion für Königsfelden

Urkundenproduktion Königsfelden verteilt über Jahre

Achtung: Die Darstellung ist noch „ungereinigt“, d.h. in dieser Statistik wurden Bilder gezählt (und pro Urkunden meistens zwei Bilder angefertigt). Doppelaufnahmen und Fehler sind ebenfalls noch nicht korrigiert.

Untersuchenswert sind sicherlich die Peaks in den 30er und 60er Jahren des 13. Jahrhunderts und der Einbruch bzw. das Einpendeln danach.

Zwei Erkenntnisse lassen sich auf den ersten Blick feststellen:

  1. Hohe Urkundenausstellungsraten korelieren mit intensivierter Stiftungstätigkeit
  2. Die These einer Krise nach dem Ableben Agnes von Ungarn (der grössten Förderin des Klosters) scheint sich nachweisen zu lassen — vorausgesetzt wenig ausgestellte Urkunden bedeuten „Krise“.

Das Problem, aber auch der Gewinn solcher Graphen liegen vornehmlich in der Reflexion die sie auslösen. Stützt man sich in anderen Recherchen auf „Gefühle“ oder geht von Annahmen aus, so haben die Peaks eine gewisse Unbedarftheit intus und sind nur beschränkt durch moderne Vorstellungen geprägt (mal abgesehen von der Tatsache, dass die „graphische“ Betrachtungsweise bereits stark modern geprägt ist).


One Comment on “Quantitative Geschichtswissenschaft oder: Was bringt die Verknüpfung von Graphen und Urkunden”

  1. […] in einem früheren Post bereits kurz beschrieben, versuche ich mittels Erfassung von Urkundenbeständen (mit der enorm […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s