Was ist „Schriftlichkeit“?

Schrift und Schriftlichkeit

Auf den ersten Blick erscheint der Fall einfach, ja trivial: Aus schriftlichen Überbleibseln lässt sich am leichtesten rekonstruieren, wie Ereignisse und Gefühle für den Schreiber von statten gingen. Schrift ist das Medium, welches einen reflektierten, aber dennoch unmittelaren Zugriff auf die Vergangenheit erlaubt.

Das Problem liegt jedoch tiefer, vor allem die Kulturwissenschaft und insbesondere der linguistic turn vermochten aufzuzeigen, dass der Schluss aus der Schrift auf den Verschriftlichenden nicht ganz so einfach sein darf.

Ohne noch einmal die Schritte von de Saussure über Barthes und Foucault zu Rorty nachzuzeichnen – dass überlasse ich der Wikipedia bzw. jemand geeigneterem – muss betont werden, dass Schrift oder eben Schriftlichkeit eigenen Gesetzen unterliegt, welche stark mit kulturellen und sozialen Determinanten verknüpft ist.

Für den Zeitbereich des Mittelalters (was das überhaupt ist, wäre ein eigener Blog wert) muss die spezielle Situation, das Problem der weitgehende Illiteralität der Menschen, in Betracht gezogen werden. Gleichzeitig sind Schriftstücke nicht nur Informationsträger (das sind sie vielleicht gerade nicht), sondern im System von Heilsvermittlung stehende Stücke. Heilsvermittlung, da die Bibel das zentrale Stück der Christenheit darstellt und selbst als Einheit verstanden wird. Als Einheit, welche aus mehreren Teilen (Büchern und Briefen) besteht!

Die Forschung zur „Schriftlichkeit“ versucht diese Besonderheiten des mittelalterlichen Schriftschaffens in seinen Analysen zum zentralen Punkt zu machen. Demnach gibt es drei Schwerpunkte dieses Ansatzes:

  • Materialität Der Zettel, das Buch oder das Pergament werden als Entität verstanden und erst in einem späteren Schritt in einen Kontext, eine Vorstellungswelt gebracht. Grundlegend bleibt das Schriftstück, als sinnlich wahrnehmbares Objekt, eine Vorstellung, die sich gerade im Zusammenhang mit kopialer Überlieferung (eine der häufigsten und problematischen Arten der Überlieferung) noch nicht vollständig durchgesetzt hat.
  • Schematisierung/ Prozessualisierung: Ein zweiter, vordergründiger Aspekt ist das Handeln mit den Stücken (Schrifthandeln). Neben der Herstellung und den Herstellungsmomenten von Schriftstücken stehen unterschiedliche Arten des Gebrauchs (wenn sie sich denn nachweisen lassen) und die Art und Weise der Aufbewahrung im Zentrum. Ein Schriftstück muss demnach nicht nur in einem Moment (einem “Aggregatzustand”) analysiert werden (sondern mindestens in drei). Diese Schematisierung ist zwar zuweilen gedanklich hilfreich, verleitet jedoch dazu anzunehmen, dass die Zustände nicht unter einander vernetzt wären.
  • Erkenntnisinteresse: Obwohl das Forschungsfeld der “pragmatischen Schriftlichkeit” offen wäre für jegliche Forschungsfragen, wurden bis anhin nur Quellen und Quellenkorpora mit dem Methodenansatz untersucht, die in einem engen Bezug zu Verwaltungsschriftgut des Mittelalters stehen. Entscheidend für den Ansatz ist die Annahme der Alterität der Schriftstücke, welche jedoch durch die Untersuchungen in Bezug auf das Schrifthandeln gebrochen werden kann und Aussagen zum Umgang mit Schrift ermöglicht.

Bleibt die Frage, welche sinnvollen Ergebnisse eine Forschung liefern kann, welche scheinbar ausserhalb historischen Kontexten zu argumentieren versucht und jene Erzeugnisse hinterfragt, welche bisher als am Zuverlässigsten gegolten haben.

[to be continued…]


One Comment on “Was ist „Schriftlichkeit“?”

  1. […] und Quelleninterpretation (letzteres finde ich noch etwas unausgegoren…) […]


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