Ausstellungsdaten

Wie in einem früheren Post bereits kurz beschrieben, versuche ich mittels Erfassung von Urkundenbeständen (mit der enorm wertvollen Hilfe von Mitstreiterinnen) auszuwerten, wann welche Urkunde ausgestellt wurde. Eckpunkt der ersten Analyse waren die Jahreszahlen der Ausstellungsdaten. Dank der häufig vorkommenden „exakteren“ Datierung auf einzelne Tage, ist es möglich, zu berechnen an welchen Daten im Jahr die meisten Urkunden ausgestellt wurden (bzw. vorgeben ausgestellt worden zu sein).

Die Analyse der präferierten Ausstellungsdaten ist wahrscheinlich aussagekräftiger, als die zufallsbehaftete und aktiv gestaltete Überlieferung von Urkunden über Jahre und Jahrzehnte. Oder anders ausgedrückt: Die Verfälschung durch verlorene und zerstörte Urkunden wird sich als weniger verfälschend erweisen, als die Produktion bzw. gezielte Zerstörung von Urkunden in einzelnen Jahren. — (Dies ist auch der Grund, wieso ich versuche die Quantifizierung über fünfjahres Blöcke vor zu starken Verfälschungen zu reinigen) —

Das Resultat der ersten Auswertung scheint die Annahme zu bestätigen, denn es stellt sich heraus, dass nicht irgendwelche Tage am häufigsten für die Ausstellung für Urkunden gewählt wurden, sondern Feiertage:

  • 24.06. — Nativitas Johannis bapt. (Geburt Johannes d. Täufers)
  • 16.10. — Galli abb. cf. (Gallus)
  • 11.11. — Martini ep. cf. (St. Martin)
  • 06.12. — Nicolai ep. cf. (St. Nikolaus)

(abb. = abbatis; ep. = episcopi; cf. = confessoris)

Graph der Tages- und Monatsdaten der Produktion von Königsfelder Urkunden

Der Vorteil der Auswertung der Ausstellungstage, im Verhältnis zur Auswertung über Jahre, ist, dass Fälschungen nicht ins Gewicht fallen bzw. im Gegenteil aufzeigen, welche (Heiligen-)Tage besonders wichtig waren. Aussagen, die insbesondere für kulturwissenschaftliche Fragestellungen von grösserer Wichtigkeit sind, als die Authentizitätsfrage.

Was sagen nun aber die vier am häufigsten zur Ausstellung benutzten Tage über ein Kloster? Von besonderem Interesse erscheint mir der Johannistag, welcher kurz nach der Sommersonnenwende gefeiert wurde und ähnlich wie Weihnachten heidnisches Brauchtum mit christlicher Religion zu verschmelzen scheint. Interessant ist der Tag auch, da gemäss Bauernregeln (ja das ist aus der Wikipedia…) nicht vor dem Johannistag geerntet werden sollten. Spekuliert man über allfällige Abgaben, die an diesem Tag gemacht werden sollten, so scheint dies mit Resultaten von Julien Demande übereinzustimmen, welcher (hier stark verkürzt und holzschnittartig:) nachzuweisen versucht, dass Abgabepflichtige zu Zeitpunkten zum Verkauf ihrer Ernte gezwungen werden, an welchen die Preise am schlechtesten sind, also kurz vor oder zu Beginn der Erntesaison. Die „Herren“ verkauften dagegen ihre Naturalien erst zum Zeitpunkt des besten Preises. (Mehr hier: Julien Demade: Grundrente, Jahreszyklus und monetarische Zirkulation. Zur Funktionsweise des spätmittelalterlichen Feudalismus, in: Historische Anthropologie 17 (2009), S. 222-244.).

Gallus war ein häufig gewählter Kirchenpatron (v.a. in der heutigen Deutschschweiz und Süddeutschland) einen besonderen Bezug zu Königsfelden oder den Habsburgern lässt sich nicht feststellen. Das spezielle an Martini ist schwieriger zu bestimmen. Assoziert wird der Feiertag oft mit der Weinernte, was wiederum auf die von Demande vertretene These deuten könnte (die Abgabe von Weinen war insbesondere für Gebiete im Elsass von Wichtigkeit — das Ausschenken von Elsässer Wein wurde auch explizit an bestimmten Gedenktagen gefordert)

Schliesslich bleibt noch der Hl. St. Nikolaus. St. Nikolaus scheint stark mit Habsburg verbunden zu sein (bzw. könnte man vielleicht von der Konstruktion einer Verbindung sprechen), da die erste Stiftungsurkunde (1309) an diesem Tag ausgestellt wurde (aber Vorsicht: die besagte Urkunde ist nur kopial überliefert).

Fazit: Die zur Ausstellung von Urkunden gewählten Daten waren wohl nicht zufällig gewählt — ebensowenig wie später produzierte (Nach-Herstellungen /) Urkunden auf irgendwelche Tage gelegt wurde. Gezielt wurden konnotierte Daten gesucht, die u.U. vor Publikum präsentiert wurden. Aussagen, welche Urkunden zu welchem Zeitpunkt ausgestellt wurden (und wieso), können dagegen erst gemacht werden, wenn ausgewertet ist, welches „Geschäft“, an welchem Tag abgewickelt wurde. (= to be continued…)

(Disclaimer: Wie bereits früher angetönt: Die Daten sind ungereinigt und enthalten noch diverse bekannte [und evtl. unbekannte] Fehler, so lange diese nicht ausgemerzt sind, müssen alle Aussagen als provisorisch behandelt werden. Die vorgebrachten Ideen in diesem Eintrag sind denn auch reine Hypothesen. Auch muss für eine profunde Analyse bedacht werden, dass die Herrschaft über Königsfelden Anfangs 15. Jahrhundert wechselte. Ebenso problematisch ist es natürlich ohne nähere Angaben Daten mit Abgaben zu verbinden, ohne dies in den Quellen zu verifizieren.)



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