Esch reloaded

Obwohl es für einen Historiker müssig ist Vergangenheit mit Zukunft zu verbinden, hier trotzdem ein Versuch:

In seinem mittlerweile klassischen Aufsatz in der HZ 240 (1985) „Überlieferungs-Chance und Überlieferungs-Zufall als methodisches Problem des Historikers“ (Zugang via JSTOR) erörtert Arnold Esch, welche Dokumente, weshalb in unsere Zeit überliefert wurden. Die hohe Rezeption seiner verschriftlichten Antrittsvorlesung macht im deutschsprachigen Raum den Aufsatz zur Pflichtlektüre, wenn man sich mit dem Umgang mit Schrift auseinandersetzt. (Interessanterweise verweist auch eine Vielzahl von französischsprachige Arbeiten zu „Schrifthandeln“ auf den Aufsatz, zu ergründen wäre noch weshalb).

In einer Analogie (und gleichzeitigen Verkürzung) versuche ich hier seine Schlüsse auf’s 21. Jahrhundert anzuwenden. Man stelle sich also vor, wie in 500 Jahren Historiker (die sich mit Sicherheit nicht mehr so nennen werden) die Überreste einer Kultur begutachten, die um das Jahr 2000 Schritte in eine digitale Zukunft unternahm. Aus diesen ersten Jahren ist praktisch nichts mehr vorhanden. Das verwendete Material zersetzte sich entweder innerhalb weniger Jahre (säurehaltiges Papier), wurde rezykliert (dagegen sind Palimpseste heilig…), oder aber die Inhalte sind nicht mehr lesbar (und hier kommen natürlich auch „digitale“ Daten ins Spiel). Oder kurz gefasst: Die Überlieferung erlitt Verluste.

Passend dazu zwei Hauptaussagen Eschs, die auf den folgenden Zeilen irgendwie im Fokus stehen:

  • „Urkundliche Überlieferung mach das Mittelalter noch agrarischer, als es ohnehin schon ist.“ (S. 536)
  • „Urkunden-Überlieferung macht das Mittelalter noch kirchlicher, als es ohnehin schon ist.“ (S. 538)

Fragt sich, wer oder was wird in Zukunft überliefert und natürlich auch wie. Zum einen stehen hier die „klassischen“ Überlieferungsträger wie Archive und Bibliotheken. Machen sie das frühe 21. Jahrhundert staatlicher (Archive und Bibliotheken sind grösstenteils staatlich) und intellektueller (in welchem Verhältnis steht die rein prozentuale Überlieferung von Klatsch&Tratsch-Heften zu wissenschaftlichen-hochkultur-zeitschriften) als es ist (vom agrarischen zum intellektuellen und vom kirchlichen zum staatlichen)? Zum anderen bildet das World Wide Web eine Überlieferung, die um einiges komplexer ist, als die Abbildung in Archiven und Bibliotheken, wenn sie denn überhaupt noch existieren wird. Oder letzthin mal die Erlangerhistorikerseite aufgerufen (die wurde vor Jahren in Proseminaren noch als profunde Linkliste empfohlen, mittlerweilen muss die Adresse den Besitzer gewechselt haben). Kurzum wird wohl nicht nur in den Archiven vorwiegend solches überliefert, dessen Überlieferung bewusst forciert wurde.

„Schade“, könnte man sagen, „das bedeutet ja nichts anderes, als dass bewusst ‚Bilder‘ in die Zukunft transportiert werden.“ Genau, aber und hier kommt die (wirkliche) Chance (im Gegensatz zur Esch’schen Chance): Die Analyse des Überlieferten wird den zukünftigen Historionten (der Begriff ist zugegegebenermassen noch verbesserungsfähig) erlauben, Rückschlüsse auf die Nutzung eines Mediums zu ziehen, dass in einer unglaublichen Entwicklung begriffen war zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Neben dem „staatlichen“ etablierten sich Unternehmen (z.B. Medienhäuser?!), die sich die Überlieferung etwas kosten liessen.

Natürlich: Der Vergleich hinkt und in 500 Jahren passiert viel, was weder vorhersehbar noch annähernd intendiert ist. Dennoch: Obwohl wir uns immer der Verluste bewusst sein müssen, als Historiker (Esch hat in vielen Punkten durchaus recht), ist die Überlieferung immer eine Chance. Eine Chance um zu sehen, wer es geschafft hat, dass sein „Produkt“ die Zeiten überstand, wer ökonomisch, ideologisch und wie auch immer seine Sichtweise durchsetzte. Die Suche nach den Leerstellen wird uns nie solche Erkenntnisse liefern können, wie die Analyse vom „Übriggebliebenen“.

Das Problem ist, dass Überlieferung zwar gemacht wird, die Überlieferung jedoch nie macht. Es ist die Historikerin oder der Historiont der macht und bildet.



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