Ergonomie des Pergamentbeschreibens

Die Thematik um die Handlungsfähigkeit, Handlungsmacht und vielleicht auch die Handlungswirklichkeit von Dingen ist nicht mehr ganz neu. Verknüpft mit der Abkehr von einer anthropozentrischen Weltsicht wird sie auch intensivst von mediävistischer Seite betrieben. Mein Zugang ist dagegen (sehr anthropozentrisch) als Zusammenspiel zwischen verarbeitetem Material (etwa [Tier-]Haut, mit Larven befruchtete Pflanzengallen versetzt mit einem Heilmittelinhaltsstoff [oder zusammengenommen: Tinte aus Galläpfel und Eisensulfat], Wachs und mehr) und der Produktion von Schriftstücken.

Passend – und nicht von mir – ist die Beschreibung des Zusammenwirkens als ergonomisch. Womit angedeutet wird, dass das unterschiedlich verarbeitete Material auf einen Nutzenden trifft, welcher nicht anders kann, als nach bestimmten Regeln das Material zu nutzen. Die Zusammenkunft zwischen Material (mit einem Handlungsspielraum aber auch Handlungsmacht) und Nutzendem (mit Handlungs- und Formungsvorstellung) führt zu einem (von beiden Seiten gefügten) Resultat. Wer genau handelt, bleibt unklar.

Auf einen konkreten (Sonder-?)Fall angewandt könnte das so aussehen: Eine Dame will einen Sachverhalt (einen Güterverkauf an eine Person) vermitteln. Für die Vermittlung werden mehrere Strategien angewandt, die zum einen Menschen miteinbeziehen, zum anderen aber auch in ein Schriftstück münden. Der zweite Teil ist dabei von Interesse, da in diesem vorbearbeitetes Material auf einen Schreibenden trifft. (Im Übrigen müsste man sich ernsthaft überlegen, wie und ob auch der erste Teil in materielle Resultate mündet bzw. inwiefern eine Geste oder anderes durch Materiale, wie Kleidung, Schmuck etc. erlaubt bzw. eingeschränkt wird)

Im hier vorgestellten spezifischen Fall wurde jedoch nicht wie üblich, ein eigenes dafür hergestelltes Pergament verwendet, sondern eine Buchseite zum Urkundenbeschreibstoff umgewidmet. Die Folge der Umwidmung zeigt sich an einem äusserst unerwarteten Ort: Nicht eine Urkundenschrift sondern eine Buchschrift wurde durch den (scheinbar geübten) Schreibenden angewandt.

Hält man die Ausführungen oben für plausibel, kann man also argumentieren, dass aufgrund der nur minimal andersartigen materiellen Zusammensetzung bzw. der Vorbestimmung und Vorbereitungs des Materials der Schreibende eine andere Art des Beschreibens wählen musste.

Abbildung: StAAG U.17/0017 r

Das Schriftbild lässt an ein Buch denken, das Pergament scheint vormals eine Seite in einem Buch gewesen zu sein. StAAG U.17/0017 recto

Die einzelnen Materialien bestimmen folglich nicht nur durch ihr Material-sein, sondern ebenso durch ihren (möglichen) Zustand und ihre vorgängigen Zustände. Vielleicht liesse sich gar von einer Prozessorientiertheit oder gar einer Prozessbewusstheit sprechen. Die Artefakte bleiben (bewusst?) im Fluss.



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