Renouveaux Potentiels I: Archäologie und Statistik (Guerreau gekürzt)

2001 veröffentlichte der streitbare Historiker Alain Guerreau einen Aufruf und eine Versuchsanleitung, wie historische Mittelalterforschung im 21. Jahrhundert funktionieren soll (Guerreau, A.: L’Avenir d’un Passé Incertain. Quelle Histoire du Moyen Age au XXie siècle. Paris: Editions du Seuil 2001). Die Ansätze sind – abgesehen von den Profanitäten – äusserst lesenswert und sollen an dieser Stelle thematisch geordnet und verkürzt wiedergegeben werden. [Rezensionen zum Werk finden sich hier, hier und hier.]

Als wichtiges Potential für die historische Mittelalterforschung wird Archäologie, Statistik und Informatik („nouveaux support de l’information“) identifiziert. Im Aufbau des Buches finden sich diese Ansprüche nachdem eine profunde (und „leicht“ polemische) Historisierung des Forschungszweigs vorgenommen wurde (I: Naissance et étapes de la médiévistique, S. 19-135).

Im Gegensatz zur Antike, so Guerreaus kurze und wahre Problematisierung, beteiligten sich Historikerinnen so gut wie nie an archäologischen Grabungen, obwohl das Grundwissen dazu in 15 Tagen angeeignet werden könnte. In globo geht der Zunft deswegen ein verständnisvoller Umgang mit den materiellen „Grossüberbleibseln“ der Zeit ab: Les médiévistes doivent tous fouiller (154)!

Eine Folge dieser Abwesenheit ist die Vereinnahmung (vorwiegend der Kirchen) durch KunsthistorikerInnen, welche sich vorwiegend ästhetischen Fragen und Annäherung zuwenden. Évolution, rôle und signification (145f.) spielten dabei eine zu kleine Rolle.

Die Rolle der Mittelalterarchäologie sieht G. auch in der Analyse von grossen Flächen und Studien zu pflanzlichen und tierischen Überresten in der Umgebung der Grabungen (lobend hervorgehoben werden die von Devroey und Mol herausgegebenen Studien zu Dinkel).

Das Resultat der Grabungs- und Auswertungsarbeiten sieht G. gesammelt in Standartwerken (positiv vermerkt die corpus vitrearum), welche wiederum von der Wissenschaft herangezogen werden muss und ein „vollständigeres“ Bild zu liefern hilft.

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Im zweiten Teil seiner Auslotung des Potentials, geht G. zu den Möglichkeiten der Statistik und der Informatik. Angefangen bei der Entwicklung des Personal Computer über die Digitalisierung von Quellen und Fachliteratur zu dem daraus erwachsenden Potential, werde ein Umgang mit Zahlen- und Wort-Reihen möglich, welcher nicht verglichen werden kann mit den (zurecht) gescheiterten Quantifizierungsversuchen der 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Argument – zugegebenermassen bei ihm etwas komplexer vorgetragen – ist nur bedingt richtig. Wie öfters im Buch geht G. von einer Medävistik aus, die nicht gehindert wird durch ökonomische, forschungstechnische und andere Hemmnisse. Dem Franzosen schwebt ein Apparat von Forschern vor, die alle nur das Ziel kennen »das Mittelalter« in allen seinen Facetten auszuleuchten. Entsprechend rigide müssen seine Ansprüch demzufolge auch sein.

Aber zurück zum Potential: Es geht also um die Nummerisierung (Dataisierung?) des Forschungsgebiets. Vom indicateur kommt man zum indicateur généralisé (177-179). Etwa lassen sich aus dem Gebrauch und der Häufung von Abkürzungen in Inkunabeln auf die zones de calage schliessen, analysiert man eine möglichst grosse Anzahl von Inkunabeln führt dies zu Schlüssen der Herkunft.

In eine andere Richtung zielt die Binarisierung des Untersuchungsgebiet, indem eine Anzahl von klar entscheidbaren(0 oder 1)  bzw. bezifferbaren Fragen/Definitionen an Subjekte/Objekte gestellt werden und nach Ähnlichkeiten und Korrelationen gesucht wird: Ausgeführt anhand von Manuskripten kann man sich vorstellen, dass Herstellungszeit, -ort und -institution aufgenommen werden sowie kodikologische und inhaltliche Angaben, wie die Zeilenlänge, Spaltenzahl, Schrift, Art des Textes etc. Resultate zur Produktionslandschaft (analog zu Urkundenlandschaft?) und der dortigen Gesellschaft(en) lassen sich erhoffen. [Das Beispiel finde ich sehr interessant, dennoch würde ich gerade hier vorbehalte machen bezüglich Fragen der Überlieferung, die nicht an letzter sondern an erster Stelle stehen sollten. Ansonsten beziehen sich die gemachten Aussagen stärker auf spätere Ausleseprozesse als die Dokumentenproduktion.]

Als weitere wichtige Möglichkeit der computerisierten Hilfe streicht G. die Herstellung von Grafiken hervor, wobei gleichzeitig auf die Gefahren hingewiesen wird.

Der Abschluss der kurzen Werbetour macht ein Ausblick zur sémantique historique, welche im nächsten Beitrag erörtert wird.


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