Renouveaux Potentiels II: Sémantique Historique

Wie im letzten Post begonnen, soll an dieser Stelle, das nicht mehr ganz frische Werk von Alain Guerreau «L’Avenir d’un passé incertain» bzw. die vom Autor als zukunftsträchtig eingestuften Potentiale besprochen werden.

Ein sich wiederholender Ausspruch Guerreaus betrifft das Potential der linguistischen Auswertung von Quellentexten. Ausgehend von „prekärem Wortwissen“ (in Anspielung auf fehlende bzw. ungenügende Wörterbücher, welche durch die Fachwissenschaft auch nicht gebraucht werde) will G. Wandel im Begriffsgebrauch und in der Begriffsgeschichte deutlich machen. Wiederum folgt G. einem totalitären Ansatz, indem er sich nicht auf einzelne Begriffe stützt, sondern im Grundsatz alle Worte (insbesondere die mittellateinischen) neu kontextualisieren und „verstehen lernen“ will. Obwohl nicht grundsätzlich in Frage gestellt (u.a. für Belegstellen!) werden Wörterbücher als problematisch dargestellt.

Eine Verdeutlichung bringt das Vorkommen von vinea in einer Urkunde des 11. Jahrhunderts (ab S. 195). Einleuchtend wird die Übersetzung von vinea als vigne abgelehnt und aufgezeigt, welchen Hintergrund das Wort im mittelalterlichen Kontext hatte. Gekonnt wird die Andersartigkeit der Weintraube vom Anbau über die Bewirtschaftung bis zur Ernte beschrieben. Tieferschürfend verfährt G. auch auf der Ebene der représentation, indem er aufzeigt, wie eng verknüpft das Niederschreiben des Begriffs vinea auf Pergament mit dutzenden Stellen in der Vulgata war (S. 197). [Witzig ist, dass G. an dieser Stelle direkt abschweift und von der Häufigkeit bzw. dem Fehlen der vinea in gewissen Büchern der Bibel zu berichten beginnt, ohne zu einem Abschluss zu kommen; erweitert wird die Beschreibung durch Ausblick auf Augustin und die gesamte PL] In einem der abschliessenden Sätze „entlarvt“ sich Guerreau und bringt sein Programm (oder sein Ziel der Geschichtsschreibung) zum Ausdruck: „La seule finalité du métier d’historien est de montrer comment les sociétés ont fonctionné et se sont transformées. Cette finalité impose de partir de l’idée de la société comme ensemble articulé de relations, et rien d’autre.“ (S. 200)

Quelle: http://www.amazon.fr/Lavenir-dun-passé-incertain-histoire/dp/2020496976/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1371214666&sr=8-1

Schlecht zu lesen: Auf der Abbild steht „Ceci est ou n’est pas une vigne“. Quelle: http://www.amazon.fr/Lavenir-dun-passé-incertain-histoire/dp/2020496976/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1371214666&sr=8-1

Um die Unzulänglichkeiten auszumerzen, schlägt G. vor champ sémantique zu bilden (mit Verweis auf Jost Trier und seine Wortfelder und Sinnbezirke). Wie die Analyse anzustellen sei, weiss G. nicht: „c’est une des tâches les plus urgentes qui s’imposent aux médiévistes dans les prochaines années.“ (S. 208) Wichtige Bestandteile einer solchen Analyse müssten die Korpus- und Konkordanzbildung sein. Einer der Vorteile wird dann das „wieder“ oder „neu“ und „anders“ lesen (bekannter) Texte.

Um der Methodik der Semantik näher zu kommen beschreibt G. in einem längeren Abschnitt die Geburt und Entwicklung derselben im Feld der Linguistik am Ende des 19. Jahrhunderts, wobei relativ rasch ins 20. Jahrhundert und die Gegenwart vorgedrungen wird. Der Schwerpunkt ist klar auf die deutschsprachige Forschung gelegt und endet mit der Transferthese Bumkes (die besagt, dass der Ritterbegriff durch die „Übersetzungen“ Hartmanns von Aue in die deutsche Vernakular gekommen sei).

Leider vernachlässigt es Guerreau fast vollständig aufzuzeigen, welche Methodiken angewandt werden könnten um seinem Ansinnen, einer Neu-Interpretation mittelalterlichen Quellen gerecht zu werden. Gelegentlich dringen einige Fetzen, welche an korpuslinguistische Vorgehen denken lassen durch, handfeste Konkretisierungen fehlen jedoch.

Alles in allem bleibt der interessierte Leser etwas ratlos zurück. Auch die abschliessenden zwölf Thesen sind zwar (neben ihrer Radikalität) durchaus anregend, bringen aber keine Konkretheit in das Guerreau’sche Projekt der Mediävistik im 21. Jahrhundert.



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