Akademisches Publizieren: Ideenskizze zum Neuanfang

Ein Artikel der NZZ zur Arbeitsweise beim Magazin Forbes (Link) beschreibt, wie jegliche Beiträge der regelmässigen und nicht-regelmässigen Mitarbeitenden der Zeitschrift publiziert werden und eine Bewertung durch die Redaktion erst nachträglich (wenn überhaupt) stattfindet. Der Mitarbeitende also zu einem Grossteil selbst verantwortlich ist, dass der von ihnen publizierte Inhalt an die Leute gebracht wird. Dies impliziert natürlich momentan hippe „Social Media Kampagnen“ und Self-marketing pp.

Könnte das Modell nicht auch auf die Welt der academia übertragen werden? Oder anders gefragt: Wie könnte „Publizieren“ oder noch allgemeiner „Wissenschaft betreiben“ im 21. Jahrhundert aussehen. Und um dem ganzen noch ein bisschen mehr Schwung zu verleihen, nehme ich an, dass so etwas wie Verlage gar nicht nötig sind… auf in die Utopie

Zeitschriften und Sammelbändaufsätze sind die wohl häufigsten Formen des geisteswissenschaftlichen Publizierens neben Monographien. Erwachsen aus Tagungen, Arbeitsgruppen oder vor dem Hintergrund des publish or perish werden Druckseiten en masse produziert. Bei Tagungsbänden ist es teilweise so, dass die Beiträge zwar in die Nähe der in der Einleitung skizzierten Thematik gehen, aber doch Spezialaspekte abdecken; teilweise scheinen die Beiträge schnell zusammengeschustert, weil die Möglichkeit des Publizierens bestand; andere Beiträge wiederum sind passend und gut. Bei Zeitschriften besteht meistens – von Sonderheften, die ich in die Nähe von Tagungsbänden rücken möchte, abgesehen – eine weitere Freiheit und das Prestige der Zeitschrift verleitet zum Eingeben von Manuskripten. Nach einer redaktionellen und peerigen Review-Phase kommen schliesslich die ausgewählten Aufsätze zum Handkuss und werden in alt-ehrwürdigen oder jungen-frechen Seiten gedruckt.

Nun könnte man das Pferd mal von hinten aufzäumen: Eine Schreibende möchte eine Entdeckung, einen besonders gelungenes Argument aus einem Vortrag oder die Kurzfassung einer Qualifikationsarbeit verbreiten. Nun ist vorstellbar, dass dies ohne grosses Aufhebens (nach sorgfältiger Erarbeitung oder wie die eigenen Qualitätsstandarts aussehen…) auf einer (blog-artigen?!) Seite der eigenen Institution geschieht.
Dank Selbstmarketing und Weiterempfehlungen gelangt der zitierfähige (und im institutseigenen Repository langfristig verfügbare) Artikel in den Umlauf. Diskussionen zum Artikel werden auf der entsprechenden Kommentarseite und in fremden Blogs geführt (deren Verlinkung mittels ping-back direkt ebenfalls als Kommentar beim veröffentlichten Artikel sichtbar werden).

Auf den Artikel werden (dank seiner passenden Thematik, der Wichtigkeit der Entdeckung oder anderer Faktoren) sogenannte Redaktionen aufmerksam. Anstatt, dass aber nun der Artikel kopiert wird, veröffentlicht die Reaktion einzig den Link auf den Artikel, evtl. einen Abstract, eine Einleitung oder die Erwiderung einer Fachperson. Mehrere solche Artikel gesammelt ergeben eine neue Ausgabe einer „Zeitschrift“ oder gar einen „Sammelband“. Vielleicht mit einer Diskussion von früher empfohlenen Artikeln etc.

Konkret könnten Zeitschriftenredaktionen also die Aufgabe des Kuratierens übernehmen. Wer entsprechend in höher angesehenen „Zeitschriften“ kuratiert wird, erhält höheres Prestige (citation-index etc.). Qualitätskontrolle post festum. Dank Versionierung ist es aber auch denkbar, dass eine Redaktion von sich aus oder weil sich die Schreibende auf einen Call for Article gemeldet hat, einen peer-review-prozess durchführt. Um in der Zeitschrift kuratiert zu werden, verlangt die Redaktion einige Anpassungen oder Korrekturen des bereits (öffentlich?) zugängigen Artikels, sodass auch die Gefahr verhindert wird, dass ungeprüftes/qualitativ „Minderwertiges“ (aus der Perspektive der Redaktion) unter dem Label der Zeitschrift erscheinen könnte. Aufgrund unterschiedlicher Versionen wird es möglich einen Artikel zu überarbeiten und Zitierungen bleiben gültig. Gleichzeitig hätten auch andere die Möglichkeit auf die Entwicklung des Artikels Einfluss zu nehmen.

Aus der Perspektive der Institutionen ergäben sich auch einigen Gewinn: Eine Uni müsste etwa nicht mehr mühsam seine angegliederten Wissenschaftlerinnen auffordern Ende Jahr ihre wissenschaftlichen Publikationen in irgendwelche Formular einzugeben, um sicherzustellen, dass Statistiken erstellt und die eigene Exzellenz hervorgehoben werden kann. Im Gegenteil: Auf den Instituts/Seminarseiten können die Beiträge der eigenen Forscherinnen (umgehend) aufgezeigt und die Langzeitsicherung durch (bereits bestehende) Repository übernommen werden. Rückschlüsse auf die Forschungsleistung wäre für die Institutionen durch die vergebenen DOI-Nummern automatisch durchführbar, damit würde auch klar, welche Periodika und welche Sammelbände den Beitrags der Forscherin kuratierte.

Weitergedacht wäre es gar möglich ganze Bücher so zu publizieren. Solange assoziert, behält ein Forscher eine Seite, auf welcher die Publikation als Download oder als interaktive Datenbank verknüpft mit Analyseteil zu finden ist. Langzeitsicherung erfolgt wiederum mittels repository (die natürlich fähig sein müssen, entsprechende Datenbank-Abbilder aufzunehmen und über die Zeit zu retten). Sollte eine Forscherin nun die Institution wechseln, bleiben seine Artikel bei der Institution, in welcher die Erarbeitung erfolgte (sozusagen beim Sponsor). Einer Institution entsteht also ein konkreter Mehrwert, wenn „gute“ Forschung bei ihr entsteht, werden doch mehr Personen auf den Artikel aufmerksam und werden die Seite besuchen, die Klick-Rate wird zum Qualitätsmerkmal. Auch für die (immer wichtiger werdenden?) Anwerbung von Master- und Doktoratsstudierenden würde direkt klar, wo die „innovative“ Forschung herkommt.

Dass sich  Afficionados sich eine entsprechende Publikation als Book on Demand gebunden frei haus liefern lassen ist klar. Druckkostenzuschüsse, dies der grosse Vorteil, könnten vollumfänglich in die Forschung, das Lektorat oder die (webgerechte) Aufbereitung des erarbeiteten Inhalts fliessen. Insgesamt erscheint die finanzielle Seite ohnehin entlastet, da der ganze Vertrieb und die Bewerbung von Druckerzeugnissen wegfällt und Anschaffungen von Bibliotheken kleiner werden. Auch die (meiner Meinung nach) ungute Verknüpfung zwischen etablierter Wissenschaft und Verlagen würde entfallen.

Natürlich handelt es sich hier um eine Utopie, denn nach wie vor vertraut die Wissenschaft (wer immer da dazugehört) den Druckerzeugnissen, wie sie bereits seit fünfzig Jahren etabliert sind (und sich aus diversen Strömungen und Anforderungen herausbildeten: siehe etwa William Clark: Academic Charisma and the Origins of the Research University), dennoch ist es angebracht über alternative Formen der Wissensverbreitung nachzudenken. Formen, die nicht an schwerfällige und profitorientierte Vermittlung gebunden sind.



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