Das Buch — eine Marginalie?

In seiner Keynote («When is a book not a book») am Schoenberg Symposium on Manuscripts Studies demonstrierte Peter Stallybrass eindrücklich wie kritisch Vorstellungen vom Buch (insbesondere dem Codex) als primärem Medium der Vormoderne betrachtet werden müssen.

Die Ausführungen starteten mit Antiken Rollen, welche die Buchform nicht vorwegnahmen und der Etymologie des Begriffs „biblio“, der noch im Frühmittelalter (etwa bei Jerome) im Neutrum Plurar gebraucht wurde, bevor hunderte Jahre später ein Feminin Singular daraus wurde.

Auch spätere Bindungen, die nicht im engeren Sinne als Codices angesehen werden können (so die sogenannte archivalische Bindung oder das Einbinden in Lederumschläge) zeugt von abweichenden Vorstelungen, wie Überlieferung sichergestellt werden konnte. Der Gebrauch dieser Bindungen inklusive der Möglichkeit Teile aus der Heftung wieder zu entfernen oder hinzuzufügen, stellten sich dabei als entscheidend für die gewählte Form heraus. Im Gegensatz zum Codex, in welchem die einzelnen Lagen verbunden werden.

Trotzdem bleibt das Buch als herausragender „survival mechanism“ und die künstlerische Ausstattung im Fokus der Wissenschaft.

Richtig fahrt nahm der Vortrag Stallybrass‘ auf als er sich dem Medienwandels mittels Druckerpressen näherte. Fast schon maliziös wurde die Verknüpfung zwischen Reformation und dem Erfindung des Drucks in Europa dekonstruiert und negiert. Aufgrund des Einsatzes der Pressen um Ablassbriefe herzustellen (und zwar im weitaus höheren Umfang als jemals Bibeln durch Gutenberg gedruckt werden konnten), kann die Reformation eher zur Gegenbewegung des Drucks erklärt werden.

Blickt man schliesslich auf die Überlieferung der genannten Druckprodukte fällt auf, dass sie weitaus seltener aufbewahrt wurden. Die Schlussfolgerung, dass der gebundene Codex mehr Marginalie als Zentrum vormoderner (und notabene auch moderner) Kultur ist, scheint logisch, wenn auch überspitzt.

Der Vortrag stellte ein stimmiger und interessanter Einstieg zum Symposium dar. Mehr zu spannenden Projekten und Forschung im nächsten Post.



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