Digital Humanities Defined — zu eng?

In seinem Beitrag vom Sonntag bringt Michael Piotrowski (twitter: @true_mxp) ein wichtiges Thema auf den Punkt: Was zum Teufel sind eigentlich DH (Link zu seinem Blogbeitrag).

Vorausschicken muss man, dass Michael in vielen Punkten recht hat: Die DH keine eigene Disziplin ist (sondern innerhalb der „alten Disziplinen“ agieren muss), ein (weites, undefiniertes) Methodenset anbietet, etc. (oder kurz: Beitrag lesen).

Seine Definition der Digital Humanities ist knapp und schlüssig, wobei er zwischen „enger“ (1) und „erweiterter“ (2) Definition unterscheidet.
(1) Die Anwendung von quantitativen, computer-basierten Methoden für geisteswissenschaftliche Forschung (sprich zur Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen)
(2) Die Anwendung von computer-basierten Tools für geisteswissenschaftlicher Forschung.

Zur Veranschaulichung zählt er etwa digitalen Editionen zu zweiter Gruppe, jedoch nicht zu DH im ersten, engeren Sinn.

Grundsätzlich bin ich sehr dafür, ab und zu kurze Diskussionen über die Definition von Digital Humanities zu führen. Ich bin wie Michael der Meinung, dass in vielen Definitionen zuviel dazu gerechnet wird und der Begriff bereits zu oft als Buzzword (sei es bei Anträgen für Forschungsprojekte oder zur Selbstdarstellung) missbraucht wird. Wie er ausführt hat das Führen eines Blogs wenig mit DH zu tun, ebenso wenig wie Konversationen auf twitter oder Ausschreibungen auf H-Soz-Kult.

Mein Problem an seinen Definitionen ist sein strenge: (1) ist mir zu eng, (2) dagegen zu weit. (hört sich wie eine herrlich endlose scholastische Debatte an…)
Die zweite Definition würde — meiner Meinung nach — eigentlich alle WissenschaftlerInnen zu DHler machen, die nur ab und zu einen Computer anmachen und eine Abfrage auf dem Suchanbieter/Bibliothekskatalog ihrer Wahl durchführen. Obwohl ich noch nicht ganz von der Zweiteilung in weite und enge Definition überzeugt bin, müsste daher hier eine Verfeinerung stattfinden.

Bei (1) der Definition bin ich dagegen völlig d’accord, dass es sich bei allen damit beschriebenen Forschungen um DH handelt. Gleichzeitig gehört aber dennoch mehr in diese Kategorie: Wenn der Begriff Quantifizierung vorgebracht wird, impliziert dies eine statistische Veri-/Falsifizierung. In vielen vorstellbaren Anwendungsfällen der Geisteswissenschaften wird die Datenlage jedoch zu klein sein um jemals zu einem statistisch belastbaren Ergebnis zu kommen (und eine Ausweitung der Stichprobe ist für mich ein äusserst zweischneidiges Schwert, big data ist nicht die Antwort auf alles). Würden solche Forschungen folglich dennoch als „quantifiziert“ gelten?

Ein weiteres Themenfeld das völlig weggelassen wird, sind Visualisierungen. Der versierte Argumentator wird vorbringen, dass es sich dabei nicht um Forschung/“Denken“ im engeren Sinn handelt, zugegeben. Dennoch kann etwa die Darstellung auf einer Karte zu Einsichten führen, die nicht einmal Ortskundigen auffallen würde (ganz zu Schweigen vom Potential der Kombination mit geologischen oder anderen Filtern).

Dies führt mich zum eigentlichen Kern: Meiner Meinung nach geht es in den Geisteswissenschaften um das Verstehen von Menschen, ihren Vorstellungswelten (Wirklichkeiten?), ihren Handlungen und ihren Beeinflussungen. Um dem aber näher zu kommen, bedarf es oft dem Überwinden eigener Vorstellung und Logik („Selbst-Befremden“) und genau dafür kann (und soll) die Maschine auf dem Schreibtisch auch genutzt werden. Mit neu dargestellten, umgeordneten Daten (Quellen) ist es möglich zu anderen (vielleicht besseren) Anregungen gegenüber von Problemgemengen kommen. Und genau solche Impulse gehören zu den Digital Humanities (meiner Meinung nach sogar dann wenn die Auswertung theoretisch ohne Rechenleistung erbracht werden könnte, in dem etwa selbst eine Karte gezeichnet würde). Ansonsten sind wir relativ schnell wieder bei Diskussionen um Quantifizierungen und „Zählbarmachungen“, die bereits in den 70er Jahren die Geschichtswissenschaft zu revolutionieren versuchten und in Retrospektive zahlreiche Grabenkämpfe auslösten.

Die von Michael vorgebrachte Kategorie für Natural Language Processing und ähnliches als Humanities Computing (ausserhalb der DH), könnte als Anstoss gesehen werden über die Einführung von weiteren Kategorien nachzudenken, welche die DH als Umbrella-Term nutzen. Statt einer Zweiteilung hätten wir dann eine Vielzahl von Unterdefinitionen…

Und was bedeutet es nun Digital Humanities zu betreiben?

Der Einsatz von digital(isiert)en Ressourcen und Algorithmen (Programmen?) um geisteswissenschaftliche Fragestellungen zu beantworten. (na ja, auch nicht ganz zufrieden stellend…) [eine Fortsetzung der Diskussion ist wohl unumgänglich :]


3 Kommentare on “Digital Humanities Defined — zu eng?”

  1. Danke für Deinen Beitrag! Enge und weite Definition sind ja sehr üblich in der Wissenschaft, von daher finde ich das schon mal gut. Bei Michael Piotrowskis weiter Definition muss man aufpassen: das elektronische Werkzeug wird zur „Forschung“ benutzt — in der Bibliothek nachsehen, welche Bücher neu angeschafft wurden, ist meiner Meinung keine Forschung. Ansonsten wäre auch jeder Word-Benutzer schon ein digitaler Forscher. Und die enge Definition ist mit „quantitative“ Methoden wohl auch noch etwas schwammig, ansonsten ist sie ja nach dem Muster „weit + X“ aufgebaut.
    „Quantitativ“ ist nicht gleichzusetzen mit „Statistik“ — was ja erst ab einer bestimmten Menge von Daten sinnvoll ist. Ich würde hier „digital“ als Antonym zu „analog“ sehen. Und „analog“ sind vage Kategorisierungen, abhängig vom Kontext, heute so, morgen anders, geringes Inter- und Intraannotateragreement, usw. „Digital“ erfordert zum Beispiel für Annotationen oder Editionen klare Richtlinien, die von jeder Person gleich umgesetzt werden können — mit den Daten mache ich dann vielleicht gar keine statistische sondern wieder eine qualitative Auswertung, aber ich arbeite „digital“: diese Kategorie oder jene, ja oder nein, 0 oder 1 — und eben nicht „man könnte aber auch, unter gewissen Umständen, kuck ich mir morgen noch mal an, …“.

  2. Vielen dank für deinen kommentar zu meinem beitrag. Ich glaube, dass wir uns tatsächlich weitgehend einig sind, evtl. muss ich meine definition aber noch an den von dir angesprochenen punkten präzisieren.

    Ich gebe zu, dass man bei »quantitativ« schnell (und nicht ganz zu unrecht) an »statistisch« denkt, aber Cerstin Mahlow hat recht, wenn sie darauf hinweist, dass »quantitativ« nicht unbedingt »statistisch« impliziert. Das New Oxford American Dictionary definiert »quantitative« als

    relating to, measuring, or measured by the quantity of something rather than its quality: quantitative analysis. Often contrasted with qualitative.

    In diesem – eher allgemeinen – sinne ist es gemeint. Das schließt für mich sowohl das ein, was Bautier »traitement massif« [http://www.persee.fr/web/ouvrages/home/prescript/article/efr_0000-0000_1977_act_31_1_2252] nennt, als auch visualisierungen – die eben auch eine »zahlenmäßige« auswertung bedingen (die lokalisierung auf einer karte erfordert ja eine »quantifizierung« eines ortes in koordinaten).

    Ich weiß nicht, ob es vielleicht noch einen besseren begriff gibt; »numerisch« wäre wohl auch missverständlich. Auf jeden fall ist meine enge definition also nicht so eng, wie du befürchtet hast.

    Die weite definition ist wie Cerstin richtig anmerkt (und du dir ja wahrscheinlich auch schon gedacht hast), natürlich nicht so weit, dass die benutzung eines OPAC oder von Word (siehe auch Peter Websters »Word-Processed Humanities« http://peterwebster.wordpress.com/2013/05/10/where-should-the-digital-humanities-live/) schon »digital humanities« wäre, unter anderem eben, weil literaturrecherche und schreiben zwar teil des forschungsprozesses sind, aber keine forschungsmethode.

    • thist sagt:

      Vielen Dank, Michael, für die Ausführungen, welche deine Definition stützen. Der (vom linguistical und cultural turn geprägte) Historiker in mir sträubt sich zwar noch immer gegen das „quantitativ“, durch die Weite des Begriffs, kann ich aber damit leben. Und wie im ursprünglichen Beitrag richtigerweise angemahnt: Wir sollten nicht zu viel Zeit mit der Definitionsdebatte zu bringen.


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