Das Buch — eine Marginalie?

In seiner Keynote («When is a book not a book») am Schoenberg Symposium on Manuscripts Studies demonstrierte Peter Stallybrass eindrücklich wie kritisch Vorstellungen vom Buch (insbesondere dem Codex) als primärem Medium der Vormoderne betrachtet werden müssen.

Die Ausführungen starteten mit Antiken Rollen, welche die Buchform nicht vorwegnahmen und der Etymologie des Begriffs „biblio“, der noch im Frühmittelalter (etwa bei Jerome) im Neutrum Plurar gebraucht wurde, bevor hunderte Jahre später ein Feminin Singular daraus wurde.

Auch spätere Bindungen, die nicht im engeren Sinne als Codices angesehen werden können (so die sogenannte archivalische Bindung oder das Einbinden in Lederumschläge) zeugt von abweichenden Vorstelungen, wie Überlieferung sichergestellt werden konnte. Der Gebrauch dieser Bindungen inklusive der Möglichkeit Teile aus der Heftung wieder zu entfernen oder hinzuzufügen, stellten sich dabei als entscheidend für die gewählte Form heraus. Im Gegensatz zum Codex, in welchem die einzelnen Lagen verbunden werden.

Trotzdem bleibt das Buch als herausragender „survival mechanism“ und die künstlerische Ausstattung im Fokus der Wissenschaft.

Richtig fahrt nahm der Vortrag Stallybrass‘ auf als er sich dem Medienwandels mittels Druckerpressen näherte. Fast schon maliziös wurde die Verknüpfung zwischen Reformation und dem Erfindung des Drucks in Europa dekonstruiert und negiert. Aufgrund des Einsatzes der Pressen um Ablassbriefe herzustellen (und zwar im weitaus höheren Umfang als jemals Bibeln durch Gutenberg gedruckt werden konnten), kann die Reformation eher zur Gegenbewegung des Drucks erklärt werden.

Blickt man schliesslich auf die Überlieferung der genannten Druckprodukte fällt auf, dass sie weitaus seltener aufbewahrt wurden. Die Schlussfolgerung, dass der gebundene Codex mehr Marginalie als Zentrum vormoderner (und notabene auch moderner) Kultur ist, scheint logisch, wenn auch überspitzt.

Der Vortrag stellte ein stimmiger und interessanter Einstieg zum Symposium dar. Mehr zu spannenden Projekten und Forschung im nächsten Post.

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Das kleine Digitale, ein paar Überlegungen nach Feierabend

Gerade erschienen das aktuelle Jahrbuch zur Zürcher Wissensgeschichte: Nach Feierabend 7 mit einem kleinen Artikel meinerseits.

Dank ZORA (dem Zürcher Repository) auch als Preprint greifbar: http://dx.doi.org/10.5167/uzh-82205

Der Artikel wurde angeregt durch kontroverse Mittagessens-Diskussionen (vielen Dank an alle Beteiligten!) über zwei in diesem Blog vorgebrachten Ideen und Problemstellungen: Kritik an OCR Praktiken und eine kurze Darstellung der Rezeption des Google nGram-Viewers.

Abstract:
Der Artikel wirft einen kritischen Blick auf die Digitalisierungsbegeisterung des 21. Jahrhunderts und daraus entstehende Quantifizierungsversuche in den Geisteswissenschaften. Anhand des als Vorbild verstandenen Google Ngram Viewers wird demonstriert, wie problematisch die Anwendung großer, undurchsichtiger Korpora auf mehreren Ebenen ist. Neben technischen und konzeptionellen Mängeln kommen auch Fragen zum Verständnis und der Analyse von »Kultur« auf. Ein zweiter Teil skizziert als Gegenvorschlag die Möglichkeiten sorgfältig erarbeiteter kleiner Korpora, die neue Erkenntnisse dank neuer digitaler Methoden versprechen und heute bereits erfolgreich in den Geisteswissenschaften angewendet werden.

Der Inhalt des sehr lesenswerten Bandes findet sich auf der Seite des Verlags: Zu Diaphanes

Interessant (aber hier nur am Rande): Der Preis des elektronischen Artikels bemisst sich aus seiner Länge… Was ja irgendwie auch konsequent ist, schliesslich wird vor allem Satz und Korrekturlesen vom Verlag betrieben und da kommt’s auf den Umfang an.


Akademisches Publizieren: Ideenskizze zum Neuanfang

Ein Artikel der NZZ zur Arbeitsweise beim Magazin Forbes (Link) beschreibt, wie jegliche Beiträge der regelmässigen und nicht-regelmässigen Mitarbeitenden der Zeitschrift publiziert werden und eine Bewertung durch die Redaktion erst nachträglich (wenn überhaupt) stattfindet. Der Mitarbeitende also zu einem Grossteil selbst verantwortlich ist, dass der von ihnen publizierte Inhalt an die Leute gebracht wird. Dies impliziert natürlich momentan hippe „Social Media Kampagnen“ und Self-marketing pp.

Könnte das Modell nicht auch auf die Welt der academia übertragen werden? Oder anders gefragt: Wie könnte „Publizieren“ oder noch allgemeiner „Wissenschaft betreiben“ im 21. Jahrhundert aussehen. Und um dem ganzen noch ein bisschen mehr Schwung zu verleihen, nehme ich an, dass so etwas wie Verlage gar nicht nötig sind… auf in die Utopie

Zeitschriften und Sammelbändaufsätze sind die wohl häufigsten Formen des geisteswissenschaftlichen Publizierens neben Monographien. Erwachsen aus Tagungen, Arbeitsgruppen oder vor dem Hintergrund des publish or perish werden Druckseiten en masse produziert. Bei Tagungsbänden ist es teilweise so, dass die Beiträge zwar in die Nähe der in der Einleitung skizzierten Thematik gehen, aber doch Spezialaspekte abdecken; teilweise scheinen die Beiträge schnell zusammengeschustert, weil die Möglichkeit des Publizierens bestand; andere Beiträge wiederum sind passend und gut. Bei Zeitschriften besteht meistens – von Sonderheften, die ich in die Nähe von Tagungsbänden rücken möchte, abgesehen – eine weitere Freiheit und das Prestige der Zeitschrift verleitet zum Eingeben von Manuskripten. Nach einer redaktionellen und peerigen Review-Phase kommen schliesslich die ausgewählten Aufsätze zum Handkuss und werden in alt-ehrwürdigen oder jungen-frechen Seiten gedruckt.

Nun könnte man das Pferd mal von hinten aufzäumen: Eine Schreibende möchte eine Entdeckung, einen besonders gelungenes Argument aus einem Vortrag oder die Kurzfassung einer Qualifikationsarbeit verbreiten. Nun ist vorstellbar, dass dies ohne grosses Aufhebens (nach sorgfältiger Erarbeitung oder wie die eigenen Qualitätsstandarts aussehen…) auf einer (blog-artigen?!) Seite der eigenen Institution geschieht.
Dank Selbstmarketing und Weiterempfehlungen gelangt der zitierfähige (und im institutseigenen Repository langfristig verfügbare) Artikel in den Umlauf. Diskussionen zum Artikel werden auf der entsprechenden Kommentarseite und in fremden Blogs geführt (deren Verlinkung mittels ping-back direkt ebenfalls als Kommentar beim veröffentlichten Artikel sichtbar werden).

Auf den Artikel werden (dank seiner passenden Thematik, der Wichtigkeit der Entdeckung oder anderer Faktoren) sogenannte Redaktionen aufmerksam. Anstatt, dass aber nun der Artikel kopiert wird, veröffentlicht die Reaktion einzig den Link auf den Artikel, evtl. einen Abstract, eine Einleitung oder die Erwiderung einer Fachperson. Mehrere solche Artikel gesammelt ergeben eine neue Ausgabe einer „Zeitschrift“ oder gar einen „Sammelband“. Vielleicht mit einer Diskussion von früher empfohlenen Artikeln etc.

Konkret könnten Zeitschriftenredaktionen also die Aufgabe des Kuratierens übernehmen. Wer entsprechend in höher angesehenen „Zeitschriften“ kuratiert wird, erhält höheres Prestige (citation-index etc.). Qualitätskontrolle post festum. Dank Versionierung ist es aber auch denkbar, dass eine Redaktion von sich aus oder weil sich die Schreibende auf einen Call for Article gemeldet hat, einen peer-review-prozess durchführt. Um in der Zeitschrift kuratiert zu werden, verlangt die Redaktion einige Anpassungen oder Korrekturen des bereits (öffentlich?) zugängigen Artikels, sodass auch die Gefahr verhindert wird, dass ungeprüftes/qualitativ „Minderwertiges“ (aus der Perspektive der Redaktion) unter dem Label der Zeitschrift erscheinen könnte. Aufgrund unterschiedlicher Versionen wird es möglich einen Artikel zu überarbeiten und Zitierungen bleiben gültig. Gleichzeitig hätten auch andere die Möglichkeit auf die Entwicklung des Artikels Einfluss zu nehmen.

Aus der Perspektive der Institutionen ergäben sich auch einigen Gewinn: Eine Uni müsste etwa nicht mehr mühsam seine angegliederten Wissenschaftlerinnen auffordern Ende Jahr ihre wissenschaftlichen Publikationen in irgendwelche Formular einzugeben, um sicherzustellen, dass Statistiken erstellt und die eigene Exzellenz hervorgehoben werden kann. Im Gegenteil: Auf den Instituts/Seminarseiten können die Beiträge der eigenen Forscherinnen (umgehend) aufgezeigt und die Langzeitsicherung durch (bereits bestehende) Repository übernommen werden. Rückschlüsse auf die Forschungsleistung wäre für die Institutionen durch die vergebenen DOI-Nummern automatisch durchführbar, damit würde auch klar, welche Periodika und welche Sammelbände den Beitrags der Forscherin kuratierte.

Weitergedacht wäre es gar möglich ganze Bücher so zu publizieren. Solange assoziert, behält ein Forscher eine Seite, auf welcher die Publikation als Download oder als interaktive Datenbank verknüpft mit Analyseteil zu finden ist. Langzeitsicherung erfolgt wiederum mittels repository (die natürlich fähig sein müssen, entsprechende Datenbank-Abbilder aufzunehmen und über die Zeit zu retten). Sollte eine Forscherin nun die Institution wechseln, bleiben seine Artikel bei der Institution, in welcher die Erarbeitung erfolgte (sozusagen beim Sponsor). Einer Institution entsteht also ein konkreter Mehrwert, wenn „gute“ Forschung bei ihr entsteht, werden doch mehr Personen auf den Artikel aufmerksam und werden die Seite besuchen, die Klick-Rate wird zum Qualitätsmerkmal. Auch für die (immer wichtiger werdenden?) Anwerbung von Master- und Doktoratsstudierenden würde direkt klar, wo die „innovative“ Forschung herkommt.

Dass sich  Afficionados sich eine entsprechende Publikation als Book on Demand gebunden frei haus liefern lassen ist klar. Druckkostenzuschüsse, dies der grosse Vorteil, könnten vollumfänglich in die Forschung, das Lektorat oder die (webgerechte) Aufbereitung des erarbeiteten Inhalts fliessen. Insgesamt erscheint die finanzielle Seite ohnehin entlastet, da der ganze Vertrieb und die Bewerbung von Druckerzeugnissen wegfällt und Anschaffungen von Bibliotheken kleiner werden. Auch die (meiner Meinung nach) ungute Verknüpfung zwischen etablierter Wissenschaft und Verlagen würde entfallen.

Natürlich handelt es sich hier um eine Utopie, denn nach wie vor vertraut die Wissenschaft (wer immer da dazugehört) den Druckerzeugnissen, wie sie bereits seit fünfzig Jahren etabliert sind (und sich aus diversen Strömungen und Anforderungen herausbildeten: siehe etwa William Clark: Academic Charisma and the Origins of the Research University), dennoch ist es angebracht über alternative Formen der Wissensverbreitung nachzudenken. Formen, die nicht an schwerfällige und profitorientierte Vermittlung gebunden sind.


RSS-Bibliothek

(Schön, wenn man sich selbst Notizen ins Internet stellen kann…)

Bevor der Google Reader abkratzt, ein Export meiner RSS-Feeds, die ich dort hinterlegt habe. (Übrigens – und dass muss man dem Internetriesen zu Gute halten – ist es sehr einfach, selbsterzeugte Daten aus dem Netzwerk Googles abzuziehen. Obwohl die Löschung natürlich nicht für immer erfolgt. Ein Anleitung, wie man die Feeds aus dem Google Reader zieht gibt’s bei Geek.com)

Die Ordnung ist so ziemlich zufällig und für Fehler wird keine Haftung übernommen.

Geschichte, Allgemeine Feeds

History News Network: http://hnn.us/rss.xml

ClioWeb http://clioweb.org/feed/

American Historical Association http://blog.historians.org/rss/

Ashgate latest publications http://ashgate.com/plugins/rss/latestpublications.aspx?page_id=316&us_ind=0&imprint=LNDHMP&detail=643

Medievalists.net http://www.medievalists.net/feed/

Ad fontes http://www.adfontes.uzh.ch/rss.php

Blogs aus der Historikerwelt (und was man so dazu zählen kann)

Archivalia http://archiv.twoday.net/index.rdf

Histoire Globale http://blogs.histoireglobale.com/?feed=rss2

Q History http://www.qhistory.de/feed/

Schmalenstroer http://schmalenstroer.net/blog/?feed=rss2

Tenured Radical http://chronicle.com/blognetwork/tenuredradical/feed/

World History Blog http://feeds.feedburner.com/WorldHistoryBlog

Histories blogged http://hazelnutrelations.wordpress.com/feed/

Blogging For Historians http://bloggingforhistorians.wordpress.com/feed/

kritische geschichte http://kritischegeschichte.wordpress.com/feed/

Clairey Ross http://claireyross.wordpress.com/feed/

contested orders: Events http://www.uni-leipzig.de/~order/content/index.php?option=com_rd_rss&id=2

Dan Cohen’s Digital Humanities Blog http://feeds.feedburner.com/DanCohen

DHd-Blog http://dhd-blog.org/?feed=rss2

Digital Medievalist http://digitalmedievalist.wordpress.com/feed/

Dot Porter Digital http://www.dotporterdigital.org/?feed=rss2

edwired http://edwired.org/?feed=rss2

Frederic Kaplan http://fkaplan.wordpress.com/feed/

Historische Quellenkritik im digitalen Zeitalter http://hsc.hypotheses.org/feed

Infoclio-Blog http://www.infoclio.ch/de/blog/rss.xml

Konferenzblog 31.1. – 1.2.2013 http://rkb.hypotheses.org/feed

Melissa Terras‘ Blog http://melissaterras.blogspot.com/feeds/posts/default

weblog.histnet.ch http://weblog.histnet.ch/feed

Wissenschaft und neue Medien http://feeds.feedburner.com/Digiwis/

CONSCRIPTIO http://conscriptio.blogspot.com/feeds/posts/default

Le manuscrit médiéval http://blog.pecia.fr/feed/rss2

Paléographie médiévale http://ephepaleographie.wordpress.com/feed/

In the medieval middle http://www.inthemedievalmiddle.com/feeds/posts/default

Mittelalter http://mittelalter.hypotheses.org/feed

Ordensgeschichte http://ordensgeschichte.hypotheses.org/feed

Zeitschriften

Comparative Studies in Society and History – Current Issue http://journals.cambridge.org/data/rss/feed_CSS_rss_2.0.xml

ZHF  http://ejournals.duncker-humblot.de/action/showFeed?ui=0&mi=3b5rpp&ai=wf&doi=10.3790%2Fzhf.39.1.37&type=citrack&feed=rss

Francia-Recensio http://www.perspectivia.net/content/publikationen/francia/francia-recensio/RSS

Frühmittelalterliche Studien http://www.degruyter.com/dg/rssalerts/$002fj$002ffmst/Fr$00fchmittelalterliche$0020Studien/toc/

Historical Research http://www3.interscience.wiley.com/rss/journal/117979004

Historische Anthropologie http://www.degruyter.com/dg/rssalerts/$002fj$002fha/Historische$0020Anthropologie/toc/NaN

History and Theory http://www3.interscience.wiley.com/rss/journal/118501930

Journal: Early Medieval Europe http://onlinelibrary.wiley.com/rss/journal/10.1111/(ISSN)1468-0254

Das Mittelalter http://www.oldenbourg-link.com/action/showFeed?type=etoc&feed=rss&jc=mial

Historische Zeitschrift http://www.oldenbourg-link.com/action/showFeed?type=etoc&feed=rss&jc=hzhz

Past & Present http://past.oxfordjournals.org/rss/current.xml

Speculum http://journals.cambridge.org/data/rss/aggregated/feed_18988_rss.xml

The English Historical Review http://ehr.oxfordjournals.org/rss/current.xml

The Historical Journal http://journals.cambridge.org/data/rss/feed_HIS_rss_2.0.xml

The Medieval Review https://scholarworks.iu.edu/dspace/feed/rss_2.0/2022/3631

Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte http://api.ingentaconnect.com/content/fsv/vswg/latest?format=rss

[… Eigentlich sollte man alle Zeitschriften, die noch keine RSS-Feeds oder ähnliches bedienen konsequent ignorieren …]

Philosophie, Politik und Weltgeschehen

SoMePolis – Social Media und Politik http://somepolis.ch/feed/

The Lede http://thelede.blogs.nytimes.com/feed/

Perverse Egalitarianism http://pervegalit.wordpress.com/feed/

Philosofaxen http://kaeser-technotopia.blogspot.com/feeds/posts/default

Rough Type http://www.roughtype.com/?feed=rss2

Krugman NY Times http://krugman.blogs.nytimes.com/feed/

Never mind the markets http://blog.tagesanzeiger.ch/nevermindthemarkets/index.php/feed/rss/

NZZ Online: Digital http://www.nzz.ch/magazin/digital?rss=true

Pogu’s Posts (NY Times) http://pogue.blogs.nytimes.com/feed/

SPIEGEL ONLINE – Netzwelt – S.P.O.N. – Die Mensch-Maschine http://www.spiegel.de/thema/spon_lobo/index.rss

Spass

Der Postillon http://feeds.feedburner.com/blogspot/rkEL

SoKiosque http://www.sokiosque.ch/feed/


Renouveaux Potentiels II: Sémantique Historique

Wie im letzten Post begonnen, soll an dieser Stelle, das nicht mehr ganz frische Werk von Alain Guerreau «L’Avenir d’un passé incertain» bzw. die vom Autor als zukunftsträchtig eingestuften Potentiale besprochen werden.

Ein sich wiederholender Ausspruch Guerreaus betrifft das Potential der linguistischen Auswertung von Quellentexten. Ausgehend von „prekärem Wortwissen“ (in Anspielung auf fehlende bzw. ungenügende Wörterbücher, welche durch die Fachwissenschaft auch nicht gebraucht werde) will G. Wandel im Begriffsgebrauch und in der Begriffsgeschichte deutlich machen. Wiederum folgt G. einem totalitären Ansatz, indem er sich nicht auf einzelne Begriffe stützt, sondern im Grundsatz alle Worte (insbesondere die mittellateinischen) neu kontextualisieren und „verstehen lernen“ will. Obwohl nicht grundsätzlich in Frage gestellt (u.a. für Belegstellen!) werden Wörterbücher als problematisch dargestellt.

Eine Verdeutlichung bringt das Vorkommen von vinea in einer Urkunde des 11. Jahrhunderts (ab S. 195). Einleuchtend wird die Übersetzung von vinea als vigne abgelehnt und aufgezeigt, welchen Hintergrund das Wort im mittelalterlichen Kontext hatte. Gekonnt wird die Andersartigkeit der Weintraube vom Anbau über die Bewirtschaftung bis zur Ernte beschrieben. Tieferschürfend verfährt G. auch auf der Ebene der représentation, indem er aufzeigt, wie eng verknüpft das Niederschreiben des Begriffs vinea auf Pergament mit dutzenden Stellen in der Vulgata war (S. 197). [Witzig ist, dass G. an dieser Stelle direkt abschweift und von der Häufigkeit bzw. dem Fehlen der vinea in gewissen Büchern der Bibel zu berichten beginnt, ohne zu einem Abschluss zu kommen; erweitert wird die Beschreibung durch Ausblick auf Augustin und die gesamte PL] In einem der abschliessenden Sätze „entlarvt“ sich Guerreau und bringt sein Programm (oder sein Ziel der Geschichtsschreibung) zum Ausdruck: „La seule finalité du métier d’historien est de montrer comment les sociétés ont fonctionné et se sont transformées. Cette finalité impose de partir de l’idée de la société comme ensemble articulé de relations, et rien d’autre.“ (S. 200)

Quelle: http://www.amazon.fr/Lavenir-dun-passé-incertain-histoire/dp/2020496976/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1371214666&sr=8-1

Schlecht zu lesen: Auf der Abbild steht „Ceci est ou n’est pas une vigne“. Quelle: http://www.amazon.fr/Lavenir-dun-passé-incertain-histoire/dp/2020496976/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1371214666&sr=8-1

Um die Unzulänglichkeiten auszumerzen, schlägt G. vor champ sémantique zu bilden (mit Verweis auf Jost Trier und seine Wortfelder und Sinnbezirke). Wie die Analyse anzustellen sei, weiss G. nicht: „c’est une des tâches les plus urgentes qui s’imposent aux médiévistes dans les prochaines années.“ (S. 208) Wichtige Bestandteile einer solchen Analyse müssten die Korpus- und Konkordanzbildung sein. Einer der Vorteile wird dann das „wieder“ oder „neu“ und „anders“ lesen (bekannter) Texte.

Um der Methodik der Semantik näher zu kommen beschreibt G. in einem längeren Abschnitt die Geburt und Entwicklung derselben im Feld der Linguistik am Ende des 19. Jahrhunderts, wobei relativ rasch ins 20. Jahrhundert und die Gegenwart vorgedrungen wird. Der Schwerpunkt ist klar auf die deutschsprachige Forschung gelegt und endet mit der Transferthese Bumkes (die besagt, dass der Ritterbegriff durch die „Übersetzungen“ Hartmanns von Aue in die deutsche Vernakular gekommen sei).

Leider vernachlässigt es Guerreau fast vollständig aufzuzeigen, welche Methodiken angewandt werden könnten um seinem Ansinnen, einer Neu-Interpretation mittelalterlichen Quellen gerecht zu werden. Gelegentlich dringen einige Fetzen, welche an korpuslinguistische Vorgehen denken lassen durch, handfeste Konkretisierungen fehlen jedoch.

Alles in allem bleibt der interessierte Leser etwas ratlos zurück. Auch die abschliessenden zwölf Thesen sind zwar (neben ihrer Radikalität) durchaus anregend, bringen aber keine Konkretheit in das Guerreau’sche Projekt der Mediävistik im 21. Jahrhundert.


Renouveaux Potentiels I: Archäologie und Statistik (Guerreau gekürzt)

2001 veröffentlichte der streitbare Historiker Alain Guerreau einen Aufruf und eine Versuchsanleitung, wie historische Mittelalterforschung im 21. Jahrhundert funktionieren soll (Guerreau, A.: L’Avenir d’un Passé Incertain. Quelle Histoire du Moyen Age au XXie siècle. Paris: Editions du Seuil 2001). Die Ansätze sind – abgesehen von den Profanitäten – äusserst lesenswert und sollen an dieser Stelle thematisch geordnet und verkürzt wiedergegeben werden. [Rezensionen zum Werk finden sich hier, hier und hier.]

Als wichtiges Potential für die historische Mittelalterforschung wird Archäologie, Statistik und Informatik („nouveaux support de l’information“) identifiziert. Im Aufbau des Buches finden sich diese Ansprüche nachdem eine profunde (und „leicht“ polemische) Historisierung des Forschungszweigs vorgenommen wurde (I: Naissance et étapes de la médiévistique, S. 19-135).

Im Gegensatz zur Antike, so Guerreaus kurze und wahre Problematisierung, beteiligten sich Historikerinnen so gut wie nie an archäologischen Grabungen, obwohl das Grundwissen dazu in 15 Tagen angeeignet werden könnte. In globo geht der Zunft deswegen ein verständnisvoller Umgang mit den materiellen „Grossüberbleibseln“ der Zeit ab: Les médiévistes doivent tous fouiller (154)!

Eine Folge dieser Abwesenheit ist die Vereinnahmung (vorwiegend der Kirchen) durch KunsthistorikerInnen, welche sich vorwiegend ästhetischen Fragen und Annäherung zuwenden. Évolution, rôle und signification (145f.) spielten dabei eine zu kleine Rolle.

Die Rolle der Mittelalterarchäologie sieht G. auch in der Analyse von grossen Flächen und Studien zu pflanzlichen und tierischen Überresten in der Umgebung der Grabungen (lobend hervorgehoben werden die von Devroey und Mol herausgegebenen Studien zu Dinkel).

Das Resultat der Grabungs- und Auswertungsarbeiten sieht G. gesammelt in Standartwerken (positiv vermerkt die corpus vitrearum), welche wiederum von der Wissenschaft herangezogen werden muss und ein „vollständigeres“ Bild zu liefern hilft.

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Im zweiten Teil seiner Auslotung des Potentials, geht G. zu den Möglichkeiten der Statistik und der Informatik. Angefangen bei der Entwicklung des Personal Computer über die Digitalisierung von Quellen und Fachliteratur zu dem daraus erwachsenden Potential, werde ein Umgang mit Zahlen- und Wort-Reihen möglich, welcher nicht verglichen werden kann mit den (zurecht) gescheiterten Quantifizierungsversuchen der 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Das Argument – zugegebenermassen bei ihm etwas komplexer vorgetragen – ist nur bedingt richtig. Wie öfters im Buch geht G. von einer Medävistik aus, die nicht gehindert wird durch ökonomische, forschungstechnische und andere Hemmnisse. Dem Franzosen schwebt ein Apparat von Forschern vor, die alle nur das Ziel kennen »das Mittelalter« in allen seinen Facetten auszuleuchten. Entsprechend rigide müssen seine Ansprüch demzufolge auch sein.

Aber zurück zum Potential: Es geht also um die Nummerisierung (Dataisierung?) des Forschungsgebiets. Vom indicateur kommt man zum indicateur généralisé (177-179). Etwa lassen sich aus dem Gebrauch und der Häufung von Abkürzungen in Inkunabeln auf die zones de calage schliessen, analysiert man eine möglichst grosse Anzahl von Inkunabeln führt dies zu Schlüssen der Herkunft.

In eine andere Richtung zielt die Binarisierung des Untersuchungsgebiet, indem eine Anzahl von klar entscheidbaren(0 oder 1)  bzw. bezifferbaren Fragen/Definitionen an Subjekte/Objekte gestellt werden und nach Ähnlichkeiten und Korrelationen gesucht wird: Ausgeführt anhand von Manuskripten kann man sich vorstellen, dass Herstellungszeit, -ort und -institution aufgenommen werden sowie kodikologische und inhaltliche Angaben, wie die Zeilenlänge, Spaltenzahl, Schrift, Art des Textes etc. Resultate zur Produktionslandschaft (analog zu Urkundenlandschaft?) und der dortigen Gesellschaft(en) lassen sich erhoffen. [Das Beispiel finde ich sehr interessant, dennoch würde ich gerade hier vorbehalte machen bezüglich Fragen der Überlieferung, die nicht an letzter sondern an erster Stelle stehen sollten. Ansonsten beziehen sich die gemachten Aussagen stärker auf spätere Ausleseprozesse als die Dokumentenproduktion.]

Als weitere wichtige Möglichkeit der computerisierten Hilfe streicht G. die Herstellung von Grafiken hervor, wobei gleichzeitig auf die Gefahren hingewiesen wird.

Der Abschluss der kurzen Werbetour macht ein Ausblick zur sémantique historique, welche im nächsten Beitrag erörtert wird.


Ergonomie des Pergamentbeschreibens

Die Thematik um die Handlungsfähigkeit, Handlungsmacht und vielleicht auch die Handlungswirklichkeit von Dingen ist nicht mehr ganz neu. Verknüpft mit der Abkehr von einer anthropozentrischen Weltsicht wird sie auch intensivst von mediävistischer Seite betrieben. Mein Zugang ist dagegen (sehr anthropozentrisch) als Zusammenspiel zwischen verarbeitetem Material (etwa [Tier-]Haut, mit Larven befruchtete Pflanzengallen versetzt mit einem Heilmittelinhaltsstoff [oder zusammengenommen: Tinte aus Galläpfel und Eisensulfat], Wachs und mehr) und der Produktion von Schriftstücken.

Passend – und nicht von mir – ist die Beschreibung des Zusammenwirkens als ergonomisch. Womit angedeutet wird, dass das unterschiedlich verarbeitete Material auf einen Nutzenden trifft, welcher nicht anders kann, als nach bestimmten Regeln das Material zu nutzen. Die Zusammenkunft zwischen Material (mit einem Handlungsspielraum aber auch Handlungsmacht) und Nutzendem (mit Handlungs- und Formungsvorstellung) führt zu einem (von beiden Seiten gefügten) Resultat. Wer genau handelt, bleibt unklar.

Auf einen konkreten (Sonder-?)Fall angewandt könnte das so aussehen: Eine Dame will einen Sachverhalt (einen Güterverkauf an eine Person) vermitteln. Für die Vermittlung werden mehrere Strategien angewandt, die zum einen Menschen miteinbeziehen, zum anderen aber auch in ein Schriftstück münden. Der zweite Teil ist dabei von Interesse, da in diesem vorbearbeitetes Material auf einen Schreibenden trifft. (Im Übrigen müsste man sich ernsthaft überlegen, wie und ob auch der erste Teil in materielle Resultate mündet bzw. inwiefern eine Geste oder anderes durch Materiale, wie Kleidung, Schmuck etc. erlaubt bzw. eingeschränkt wird)

Im hier vorgestellten spezifischen Fall wurde jedoch nicht wie üblich, ein eigenes dafür hergestelltes Pergament verwendet, sondern eine Buchseite zum Urkundenbeschreibstoff umgewidmet. Die Folge der Umwidmung zeigt sich an einem äusserst unerwarteten Ort: Nicht eine Urkundenschrift sondern eine Buchschrift wurde durch den (scheinbar geübten) Schreibenden angewandt.

Hält man die Ausführungen oben für plausibel, kann man also argumentieren, dass aufgrund der nur minimal andersartigen materiellen Zusammensetzung bzw. der Vorbestimmung und Vorbereitungs des Materials der Schreibende eine andere Art des Beschreibens wählen musste.

Abbildung: StAAG U.17/0017 r

Das Schriftbild lässt an ein Buch denken, das Pergament scheint vormals eine Seite in einem Buch gewesen zu sein. StAAG U.17/0017 recto

Die einzelnen Materialien bestimmen folglich nicht nur durch ihr Material-sein, sondern ebenso durch ihren (möglichen) Zustand und ihre vorgängigen Zustände. Vielleicht liesse sich gar von einer Prozessorientiertheit oder gar einer Prozessbewusstheit sprechen. Die Artefakte bleiben (bewusst?) im Fluss.